NICCI FRENCH

NICCI GERRARD

Nicci Gerrard

© C. Bertelsmann Verlag/Christian Rohr

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich je nicht schreiben wollte. Als ich sehr klein war und in einem großen heruntergekommenen Haus mit einer großen, engen, streitfreudigen Familie auf dem Land aufwuchs, wollte ich immer schreiben, wenn ich mal groß sein würde. Ich las leidenschaftlich alles, was ich in die Hände kriegen konnte, veraltete ledergebundene Enzyklopädien von meinen Großeltern, Romane, Kochbücher – und ich schrieb eifrig und viel, mit dem gesunden Selbstvertrauen eines Kindes. Ich verfasste Geschichten über Meerjungfrauen, verborgene Welten und verlorene Hunde, Theaterstücke, die meine Familie und Freunde spielen mussten, schlechte Gedichte, gefühlsbetonte Tagebücher. Als Teenager bestand ich weiterhin darauf, dass ich einmal Schriftstellerin werden würde, auch während meines Literaturstudiums an der Universität in Oxford hielt ich noch immer an der Idee eines Lebens als Autorin fest, auch wenn mein Selbstbewusstsein schon leicht angekratzt war. Zwischen zwanzig und dreißig – als ich meinen ersten Mann heiratete, in einem Heim für emotional zurückgebliebene und gestörte Kinder arbeitete, eine Zeitschrift über Frauen in der Kunst mitgründete, Erwachsene unterrichtete, zwei Kinder bekam und mich wieder scheiden ließ, geriet das Schreiben ins Hintertreffen. Ich konnte nicht schreiben, ehe ich nicht Zeit fand, oder die richtige Geschichte fand oder etwas Ruhe in mein Leben kehrte. Eigentlich gibt es nie den richtigen Moment, um mit dem Schreiben anzufangen, sondern immer gute Gründe dafür, es sein zu lassen. Ich traf Sean, als ich dreißig war. Ich hatte einen zweijährigen Sohn (der nie schlief) und eine einjährige Tochter; ich hatte eine Stelle bei der Zeitung The Observer. Ich hatte wenig Geld und keine Zeit – und als unsere beiden Töchter in den darauffolgenden Jahren geboren wurden und unser Leben in ein häusliches Chaos verwandelten, hatte ich noch viel weniger Zeit. Und dennoch beschlossen wir plötzlich, einen Roman zusammen zu schreiben, einfach nur um zu sehen, ob es überhaupt geht. Seither sind unsere Kinder groß geworden, zwei sind ausgezogen und wir haben elf Romane zusammen geschrieben. Vielleicht ist Schreiben ein Zustand nahe dem Wahnsinn, es ist auf jeden Fall eine Leidenschaft und ein Zwang. Man schreibt, weil man muss. Und Sean und ich müssen noch.